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So, 09:13 Uhr
05.11.2017
Mario's Bücherkiste

Eine europäische Tragödie

Marodierende Söldner, gepeinigte Bauern, Hunger und Seuchen - der Dreißigjährige Krieg hatte apokalyptische Folgen für die europäische Bevölkerung. In seinem Buch „Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie“ wirft der britische Historiker Peter H. Wilson einen frischen Blick auf den langen Konflikt und analysiert dessen Hintergründe. Die brillante Lektüre zeichnet sich nicht nur durch hohe Kompetenz aus, sondern vor allem durch gute Lesbarkeit...


„Kurz nach neun Uhr früh am Morgen des 23. Mai 1618, es war ein Mittwoch, fand sich Wilhelm Slavata in einer äußert misslichen Lage, denn er hing aus dem Fenster … Nur einige Augenblicke zuvor hatten fünf Bewaffnete seinen ähnlich illustren Amtskollegen Jaroslav Martinitz ergriffen und kurzerhand aus dem Fenster geworfen, an dessen Sims sich nun Slavata festklammerte und, in 17 Meter Höhe über den Burggraben, gefährlich baumelte.“

Als am 23. Mai 1618 protestantische Adelige die Statthalter des römisch-deutschen Kaisers Ferdinand II. aus den Fenstern der Prager Burg stürzten, war kaum abzusehen, was folgen sollte: ein Flächenbrand, der längste und blutigste Religionskrieg der Geschichte, der erste im vollen Sinne „europäische Krieg“. Peter H. Wilsons große Gesamtdarstellung nimmt alle Aspekte in den Blick: beginnend mit der Vorgeschichte des Krieges und einem europaweiten Panorama der strukturellen Gegebenheiten über eine breite Schilderung des Kriegsgeschehens bis hin zum Westfälischen Frieden und den Folgen.

In die Darstellung eingestreut finden sich Kurzporträts der wichtigsten politischen und militärischen Akteure. Doch Wilson verharrt nicht auf der Ebene der großen Gestalter, ihn interessieren immer auch Schicksal und Lebensrealitäten der gewöhnlichen Soldaten und Zivilisten.

Cover (Foto: Theiss) Und so berichtet er auf fast 1200 Seiten nicht nur vom Schwedenkönig Gustav Adolf und dem Feldherrn Wallenstein, von Kardinälen und Kurfürsten, sondern auch von den Landsknechten und die durch Krieg und Krankheiten verwüsteten Landschaften Deutschlands.

Ganz sicher war dieser Krieg, wie Wilson schreibt, eine europäische Tragödie, doch wird am Abend des 24. Oktober 1648 mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Münster und Osnabrück ein Abkommen geschlossen, wonach die religiösen Differenzen in unterschiedlichen Konfessionen und die Nationen in völkerrechtlicher Souveränität existieren können.

Obwohl sie mittlerweile verstummt seien so schließt Wilson sein exzellentes Werk sprächen die Stimmen aus dem 17. Jahrhundert immer noch zu uns aus unzähligen Texten und Bildern, die wir glücklicherweise besitzen und:

„Sie warnen uns auch weiterhin vor der Gefahr, jenen Macht zu verleihen, die sich durch Gott zum Krieg berufen fühlen oder glauben, dass ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung die einzig gültigen sind.“

Über den Autor:
Peter H. Wilson ist Lehrstuhlinhaber für Militärgeschichte an der Oxford University. Zahlreiche Publikationen zur deutschen und europäischen Militärgeschichte der Neuzeit, zuletzt erschienen: The Holy Roman Empire: A Thousand Years of Europe’s History.
Mario Bartsch

Peter H. Wilson: „Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie“
Aus dem Englischen von Thomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt.
Gebundene Ausgabe; 1168 Seiten
Theiss; 2017
49,95 Euro
ISBN 978-3806236286
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