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Fr, 07:00 Uhr
09.03.2018
Lichtblick

Von Hottentotten und Schwarz-Rot-Gold

In unübersichtlicher werdenden Zeiten erinnern wir uns gern der Zeit, in der die Welt noch überschaubar war und gut. Was habe ich mich immer gewundert, wenn seinerzeit die Oma von einer „schrecklichen Zeit“ sprach und die Zeit meiner Kindheit meinte. „Wie bei den Hottentotten“ war eine stehende Redewendung von ihr...


Damals wusste ich noch nicht, dass diese Bezeichnung eine Sammelbezeichnung der weißen Buren in Südafrika für die seit alters her in Namibia und Südafrika lebenden Völker der Khoikhoi, zu denen die Nama, die Korana und Griqua gehörten, war.

Ich ahnte, mit meinem kindlichen Verstand von fünf oder sieben Jahren, auch nicht, dass das eine rassistisch konnotierte Bemerkung war, die den Hottentotten als Volk eine mindere Bildung bescheinigte und sie abqualifizierte. Ich mochte dieses Wort als Kind, denn sein Klang hatte etwas Spielerisches und ich verwendete es als Steppke gelegentlich auch auf dem Spielplatz und beim Sport.

Heute, im Abstand von fast 50 Jahren, weiß ich, dass manches Wort als Waffe gebraucht werden kann, mit dem wir andere Menschen demütigen und abwerten und ich bemühe mich auf meine Sprache zu achten und erlebe, wie überschaubar viele das tun. Wie oft verlassen Worte unseren Mund und können nie wieder zurückgeholt werden. Sie verletzten, sie erniedrigen, sie können sogar töten. Viele verfahren dabei nach der Devise: „Wie soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage?“ Dabei ist die benötigte Kraft, die ich brauche um Verletzendes wieder zu heilen, unglaublich viel größer als die Kraft, rechtzeitig meine Worte zu bedenken…

Gerade in Zeiten, die als unsicher empfunden werden, ist das zu spüren. Auch in Zeiten, in denen Menschen auf sich aufmerksam machen und sich darstellen wollen. Wenn man dann nichts vorzuweisen hat, an klugen Ideen, an innovativen Vorschlägen, an gemeinschaftsstiftenden Aktionen, dann zieht Mann oder Frau über andere her. Damit wird der Mangel an Originalität oder Wissen vorgeblich wettgemacht. Wenn ich schon nicht (geistig, körperlich…) groß bin, dann mache ich eben andere klein. Dann fällt mein Kleinsein nicht so auf.

Wir konnten das gerade bei einem Kurzzeit-Politiker sehen, der bisher nicht viel Substantielles vorgebracht hat. Um dies zu verdecken, hat er eine ganze Volksgruppe, die vor über 50 Jahren von Deutschen nach Deutschland geholt wurden, weil es ihre Arbeitskraft brauchte, zu „Kümmeltürken“ und „Kameltreibern“ erklärt.

Ein Lichtblick, dass er sich nicht hinter der Behauptung, eine „humorvolle Bemerkung“ am Dreikönigstag gemacht zu haben, verstecken konnte. Hut ab vor der Partei, die zwar lange brauchte, dann aber diese Konsequenzen zog. Wohl ziehen musste, um nicht durchweg als so denkend zu gelten, denn applaudiert haben dem Redner, so konnten wir in den Nachrichten sehen, sehr viele Begeisterte.

Wahlkampfzeiten sind auch solche Zeiten. Da wünschte ich mir, dass jeder nur sagen kann, was sie/er will und erreichen möchte. Jeder/jedem müsste verboten werden, sich zu seinem/seiner Mitbewerber*in zu äußern. Wie schnell bekämen wir heraus, wer wirklich substantielle Vorschläge hat und für das Amt geeignet ist. Wir müssten uns keine Talkshows zumuten, in denen nicht die leiseste Form von Respekt und Anstand herrscht, in denen Menschen andere nicht zu Wort kommen lassen, sich ungestraft ins Wort und verbal übereinander herfallen. So was hätte meine Oma vermutlich mit „Hottentotten“ gemeint, wenngleich die Nama, Korana und Griqua gar nichts dafürkönnen.

Heute vor 70 Jahren hat der Bundestag in Frankfurt/M. während der Märzrevolution die Farben Schwarz-Rot-Gold als Bundesfarben zum ersten Mal als nationales Symbol beschlossen. Es war ein Zeichen des Widerstandes gegen die österreichischen und preußischen Truppen.

Damit haben wir zum ersten Mal die Farben, die von den verunsicherten Menschen heute gern vor sich hergetragen oder auf Kreuze gepinselt werden, als nationales Symbol vor Augen, das die Menschen zusammenführt. Nicht aber als nationalistisches, das andere ausgrenzt, klein macht oder verächtlich.

Wer andere klein macht offenbart ungewollt aber ganz sicher, dass er selbst klein(geistig) ist. Die Zeiten sind nicht leicht, sie sind auch nicht sicher. Aber das waren sie nie. Wenn sie sicherer schienen, dann meist nur verbunden mit Repression gegen die eigene Bevölkerung. Im NS-Staat wie im SED-Staat gleichermaßen.

Auf solche Sicherheit verzichte ich gern, auch wenn ich viele Menschen verstehe, die sich Sorgen machen. Doch Sorgen werden wir nicht los, wenn wir die ursächlichen Ängste auf andere projizieren. Wir werden sie nur los, wenn wir sie in bedachte und nicht gebrüllte Worte (und nicht Phrasen wie „Volksverräter“) fassen, miteinander teilen, ansehen und gemeinsam überwinden. Das wäre ein Lichtblick, der uns mit unserer Gesellschaft voranbrächte. Das täte uns gut und überwände Gräben zwischen Menschen, die sich bisher oft gar nicht kennen und trotzdem ablehnen, nur weil sie anders sind.

Für mich sind die am 15. April bevorstehenden Landrats- und Bürgermeisterwahlen ein schöner Test. Wer andere klein macht um groß zu wirken, wer keine substantiellen Vorschläge für ein gutes und gelingendes Miteinander macht, der bekommt meine Stimme nicht, denn der ist kein Lichtblick für unseren Landkreis, für unsere Stadt.

Doch nicht nur auf die Politiker kommt es an, wenn sich in unserem Land etwas zum Besseren ändern soll, dann müssen wir alle ernst machen und mit der Stimmungsmache gegen andere aufhören und das Verbindende, das Einende suchen. Davon gibt es genug, entdecken wir es miteinander.

Ein gesegnetes und nachdenkliches Wochenende wünsche ich Ihnen,
Superintendent Bálint
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