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Mi, 12:08 Uhr
09.05.2018
Gelebte Integration in Leinefelde

Willkommen im Verein

Sie heißen Madlen und Raneen, Abdul und Florian, Oliver und Atifa. Sie wohnen in Leinefelde und Umgebung und kämpfen für den Ju-Jutsu-Verein der Leinestadt. Gerade sind die jungen Sportler von den offenen Landesmeisterschaften im Sachsen-Anhaltinischen Zeitz zurückgekehrt, wo das verschworene Team äußerst erfolgreich teilnahm und den 3. Platz in der Vereinswertung sowie 7 Landesmeistertitel, 3x Silber und 2x Bronze erringen konnte. Dieses erste Wochenende im April ist der bisherige Höhepunkt einer langjährigen und zielgerichteten Nachwuchsarbeit des Ju-Jutsu-Vereins, dessen Gründung in das Jahr 2002 zurückreicht.

jujutsu1 (Foto: jujutsuverein)

Die ersten Trainingszeiten erhielten die Kampfsportler damals unter Regie des örtlichen Judoverein, erzählt Gerald Eckert, der seit dieser Zeit den Verein führt. „Wir waren eine Sparte des Judovereins, ehe wir unseren eigenen Verein gründeten.“ Schnell wuchs die Zahl der Mitglieder auf knapp 100 an und aus der einen Trainingszeit sind inzwischen fünf wöchentliche Trainingstage mit 6 Einheiten in allen Altersklassen geworden. Dazu kommen etwa 15 Wettkampfwochenenden pro Jahr, an denen die Sportler im mitteldeutschen Raum und mitunter bis Berlin und Hamburg unterwegs sind. Gute freundschaftliche Beziehungen unterhält der Verein unter anderem zu den Kämpfern aus Zeitz und Bernau, mit denen sich die Leinefelder regelmäßig treffen und ihre Kräfte messen.

Als unverzichtbare Partner und Förderer des Ju-Jutsu-Vereins benennt Eckert auch seinen Chef Jürgen Kriegeskorte beim Arbeitgeber Wisag, den Ortsbürgermeister Dirk Moll uns Silvio Klawonn, seinen Vorstandskollegen bei der KSG Zeitz, wo die Leinefelder im Leistungsstützpunkt mittrainieren dürfen. „Ohne solche selbstlos helfende Unterstützer wäre der Verein genau so wenig möglich wie ohne seine phantastischen Mitglieder und deren Familien“, schätzt der Leinefelder ein.

jujutsu2 (Foto: verein)

Seit dem Herbst 2015 kommen immer mehr Geflüchtete aus dem Irak, Afghanistan und Syrien zum Training. Wenigstens 30 Kinder und Jugendliche meldeten sich seither an, sagt Eckert, von denen einige schon wieder weiter gezogen sind, aber 20 sind in Leinefelde als anerkannte Flüchtlinge geblieben und betreiben weiterhin den Kampfsport in der Leinestadt. Gerald Eckert und seine Übungsleiter haben es von Anfang an abgelehnt, eigene Trainingsgruppen für die Neuen zu eröffnen und stattdessen auf die integrierende Kraft einer gemeinsamen Trainingsarbeit gesetzt.

„Wonach hätten wir sie denn auch trennen sollen?“, fragt er, „da waren syrische Kurden und irakische Christen neben Muslimen, die sich aber auch in Schiiten und Suniten unterschieden. Bei uns trainieren alle Kinder zusammen und kommen prima miteinander aus.“ Das liegt auch an der familiären Atmosphäre im Verein, wo Vorstand, Trainer, Trainerhelfer, Betreuer und ihre Familien sich engagiert in ihrer Freizeit für den Sport einsetzen. Es hat sich längst unter den Ortsfremden in Leinefelde herumgesprochen, dass es hier im Ju-Jutsu-Verein eine spielerische Möglichkeit gibt, Land und Leute sowie die fremde Sprache besser kennen zu lernen. Der Vereinsvorsitzende Eckert und seine Trainer reagierten schnell, als die Flüchtlinge kamen. Sie öffneten den Verein für eine zeitlich befristete Mitgliedschaft und nahmen an Workshops zur Integration teil, sodass sie heute eine zertifizierte Ausbildung zum Integrationslotsen vorweisen können.

„Inzwischen kommen Eltern mit ihren Kindern zu mir und melden sie an, damit die Kleinen neben der Kampfkunst auch die Sprache besser erlernen“, freut sich Eckert. Eltern und Geschwister besuchen gern und zahlreich die Veranstaltungen und sind stolz auf ihre Verwandten, die sich so gut schlagen. Oftmals haben die Jüngsten dann auch Interesse, den gleichen Sport wie ihr Bruder oder ihre Schwester auszuüben. Ein gewollter Nebeneffekt, der neue Vereinsmitglieder mit sich bringt.

jujutsu3 (Foto: verein)

Begonnen hat der Verein die ausländischen Kinder mit zu Wettkämpfen zu nehmen im Frühjahr 2017 nach den Eichsfelder Kreisjugendspielen. Hier konnten sie auch das Ju-Jutsu-Sportabzeichen ablegen, das Bestandteile des DOSB-Sportabzeichens anerkannt ist. „Wir haben nie unterschieden, ob die Kinder Deutsche, Russen oder Araber sind. Für alle gelten die gleichen Prinzipien von Disziplin und Respekt. Und Rassismus gibt es unter Kindern ohnehin nicht. Da zählt nur die Leistung und der Spaß an der Gemeinsamkeit.“ Das gefällt den in Leinefelde angekommenen Familien aus Aleppo, Bagdad oder Kundus.

Inzwischen besteht das Vereinsleben der Ju-Jutsu-Kämpfer nicht mehr nur aus Training und Wettkampf, denn es wird ebenso gern im familiären Kreis zusammen gefeiert oder es werden Ausflüge an den Wochenenden unternommen. „Die Neuen fühlen sich bei uns willkommen und wir spüren, dass sie mit starkem Willen etwas erreichen wollen. In der Schule, im Sport, im Leben. Das motiviert auch uns Übungsleiter zusätzlich“, freute sich Gerald Eckert, der den Verein mit seinen Mitgliedern auf einem guten Weg sieht.

Inzwischen qualifizierten sich vier Leinefelder Kämpfer, unter ihnen auch zwei Migranten, bei den Ostdeutschen Meisterschaften in Berlin mit Podestplatzierungen für die Deutschen Meisterschaften. Eine Erfolgsgeschichte, die sich weiter fortschreibt.
Olaf Schulze
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