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So, 13:18 Uhr
10.06.2018
Marios Bücherkiste

Die verborgene Geschichte der Netzwerke

Er wurde 1959 in Nordhausen geboren, hat in Redaktionen vieler großer Deutscher Zeitungen gearbeitet. Und der Mann liest gern. Für die Nordthüringer Online-Zeitungen stöbert Mario Bartsch in den Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt...


Die Welt war schon immer vernetzt, sagt der renommierte Historiker Niall Ferguson. In seinem Buch „Türme und Plätze“ untersucht er die sozialen Netzwerke von der Antike bis zur Gegenwart. Es ist eine Neubewertung der Geschichte für eine neue Generation.

Wir haben uns längst daran gewöhnt, in einer vernetzten Welt zu leben. Was wir oft übersehen: Soziale Netzwerke sind kein Phänomen der Gegenwart. Vielmehr haben Netzwerke aller Arten - die Aktivitäten auf den „Plätzen“ - schon über Jahrhunderte hinweg die „Türme" der Herrschaftssysteme und Machtapparate beeinflusst oder gar zum Einsturz gebracht.

Spanische Forscher und Eroberer stießen ganze Imperien in den Abgrund. Deutsche Buchdrucker untergruben das päpstliche Religionsmonopol. Spione, Banker, Wissenschaftler oder gar Freimaurer forderten die politischen Machthaber heraus. Niall Ferguson zeigt in „Türme und Plätze“ auf, dass solche Vernetzungen unterhalb der Machtebene der lang übersehene Schlüssel zum Verständnis der Geschichte sind, analysiert aber auch moderne Netzwerke wie Facebook, Google oder den „IS“.

Netzwerke seien weder gut noch schlecht, sagt Ferguson, der die Leser auf die Problematik moderner, digitaler Netzwerke aufmerksam machen will. „Es gibt die naive Vorstellung, die auf die Anfänge des Internets zurückgeht, dass alles gut wird, wenn möglichst viele Menschen miteinander vernetzt sind.“ Mark Zuckerberg sei der eifrigste Verfechter dieser Propaganda vom Silicon Valley. „Die Botschaft ist verführerisch und für Teenager attraktiv. Berücksichtigt man aber die Netzwerktheorie und die Geschichte, ist sie falsch. Grosse Netzwerke egal ob online oder nicht haben auch Nachteile. Sie spalten sich in Klumpen und polarisierende Gruppen auf und befördern die Ungleichheit, weil einige Individuen, die im Netz Knoten bilden, besser verknüpft sind als andere.“ Ferguson sagt, noch während des Arabischen Frühlings hätten er selber und viele andere geglaubt: Wunderbar, das Internet bringt die Demokratie. „Jetzt realisieren wir, dass eine vernetzte Welt komplizierter ist und Konflikte verstärken kann.“

Das neue Gesicht unserer Gesellschaft

Laut Ferguson verändern die sozialen Netzwerke die Gesellschaft.

Cover (Foto: Propyläen Verlag) So hätten die meisten politischen Beobachter, Akademiker und Journalisten, die Erschütterungen des Jahres 2016 den Wahlsieg Donald Trumps und den Brexit nicht kommen sehen, weil sie sich immer noch stark an Meinungsumfragen orientieren. „Sie erkennen nicht, dass sich die Struktur der öffentlichen Sphäre durch das Internet und Onlinenetzwerke fundamental verändert hat“, meint Ferguson. „Facebook-Fans sind heute ein besserer Gradmesser für politischen Erfolg als konventionelle Meinungsumfragen. Das Spiel ist ein vollkommen anderes.“ Und so lautet dementsprechend sein Fazit: „Hierarchisch organisierte Staaten und Institutionen können sich nur dann dauerhaft halten, wenn sie es schaffen, sich mit den modernen Netzwerken zu arrangieren.“

Über den Autor:Niall Ferguson, geboren 1964 in Glasgow, ist Senior Fellow der Hoover Institution in Stanford sowie Senior Fellow des Center of European Studies der Harvard University. Er gilt als einer der profiliertesten Historiker der angelsächsischen Welt. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählen Der Aufstieg des Geldes (2009), Der Westen und der Rest der Welt (2011) und der erste Band seiner Kissinger-Biographie Der Idealist (2016).
Mario Bartsch

Niall Ferguson: „Türme und Plätze“
Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Reuter.
Gebundene Ausgabe; 640 Seiten
Propyläen Verlag; 2018
32 Euro
ISBN: 9783549074855
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