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Der Breitensport gehört zu den großen Verlierern der Corona-Krise

„Sport frei!“ oder nicht?

Freitag, 16. April 2021, 19:30 Uhr
„Diejenigen, die nie Sport machen, haben im Vergleich zu Sportlern eine dreifache Sterblichkeit.“ Das sagt angesichts des anhaltenden Sportverbots für weite Teile des organisierten Vereinssports nicht etwa ein Corona-Leugner oder Querdenker, sondern kein Geringerer als Karl Lauterbach, der bekannte Gesundheitsexperte der Regierungspartei SPD…

Szene aus dem Kreisoberliga-Spiel SV GW Deuna-VFB 1926 Bebestedt  (Foto: B.Peter) Szene aus dem Kreisoberliga-Spiel SV GW Deuna-VFB 1926 Bebestedt (Foto: B.Peter)


Seit dem 1. November letzten Jahres ist deutschlandweit organisierter Amateursport in Vereinen verboten. Von Mitte März bis in den Sommer 2020 hinein war es schon einmal so. Allerdings war in diesem ersten Shutdown kaum etwas über die Verbreitungswege, die vunerablen Bereiche oder die Mortalität der alles beherrschenden Corona-Krankheit bekannt. Das ist heute anders und wir wissen, dass es im Freien kaum zu Ansteckungen kommen kann.

Dr. Gerhard Scheuch, Biophysiker und ehemalige Präsident der International Society for Aerosols in Medicine wurde von der Internetplattform
FUSSBALL.DE gefragt, inwiefern es in der aktuellen Pandemielage sinnvoll wäre, in Vereinen Sport zu treiben. Seine Antwort fällt eindeutig aus: „Es macht sehr viel Sinn. Im Freien treten so gut wie keine Ansteckungen auf. In Irland sind in einer Studie 232.000 Infektionsfälle untersucht worden, 260 davon sind unter freiem Himmel aufgetreten. In anderen Worten: 99,9 Prozent der Covid-19-Ansteckungen erfolgen in geschlossenen Räumen. Ich würde Öffnungen für den Sport daher sehr befürworten. Sport ist gesund, Sport tut gut – und er motiviert die Menschen, Innenräume zu verlassen. Er bringt sie an die frische Luft. Denn eins wissen wir sicher: Es sind die Innenräume, in denen wir uns anstecken.“

Heute sollte Dr. Scheuch seine Meinung auch im Bundesgesundheitsausschuss vortragen können. Ob sie dort bei den harten Lockdown-Befürwortern um Kanzlerin Merkel Gehör findet, wird sich schon bald zeigen. Nicht nur Susanne Gaschke, die ehemalige „Zeit“-Journalistin und SPD-Oberbürgermeisterin von Kiel ist da skeptisch. „Die Bundeskanzlerin und ihr Corona-Krisenteam haben bei der Pandemiebekämpfung vor allem eins gemacht: Fehler. Nun soll die Einflussnahme der Länder beschnitten werden. Dem und Merkels Corona-Politik muss Einhalt geboten werden,“ schrieb sie kürzlich in einem Artikel für die WELT.

Wie aber lässt sich der Merkelschen Corona-Politik Einhalt gebieten, wenn kein Widerstand aus den Bundesländern, den Landkreisen und Kommunen erwächst? Wenn all die Sportvereine, die vom gut situierten Fußball-Regionalligisten bis zum kleinsten Dorf-Tischtennisverein um ihre Zukunft fürchten müssen, weil sich die Mitglieder scharenweise abmelden, sich nicht wehren? Wo bleibt etwa der Protest der sonst so streitlustigen Fußball-Ultrafans, die doch immer beteuert haben, sie könnten ohne ihren Verein und die Spiele nicht leben?

Während weltweit die Profisportler in leeren Stadien und Hallen ihre Werbeverträge erfüllen und tapfer gegeneinander antreten, stirbt der Breitensport einen qualvollen Erstickungstod an den ewig verlängerten Spiel- und Trainingsverboten der Lockdown-Ära. Knapp 60 000 Sportler haben sich in den mitteldeutschen Ländern bisher aus ihren Sportvereinen abgemeldet. Wo bleibt hier der Aufschrei der Landessportbünde, der Kreis- und Stadtsportbünde? Worauf wollen die Funktionäre noch warten?

In exakt 100 Tagen sollen in Tokyo die Olympischen Sommerspiele stattfinden. Dann können sich die daheimgebliebenen Amateure weltweit an den Fernsehgeräten ansehen, wie ihre Sportarten einmal funktioniert haben. Was die hilf- und planlose deutsche Regierung mit ihren unentschlossenen Ministerpräsidenten ihren sportlichen Bürgern, allen voran den Kindern und Heranwachsenden derzeit antut, das werden wir erst in einigen Jahren richtig begreifen lernen. Was wir aber heute schon wissen ist, dass der organisierte Sport zu keinem Zeitpunkt ein Pandemietreiber war und für die „dritte Welle“ ebenso wenig verantwortlich zeichnet wie für die beiden davor und alle noch kommenden.

Und wer der Meinung ist, dass der Endlos-Lockdown mit gesundheitlichen Aspekten und dem Schutz der Bevölkerung begründbar ist, der muss sich gerade für die Wiederaufnahme des Breitensports einsetzen, denn nichts kann so gut unsere Gesundheit schützen wie sportliche Aktivitäten. Ich weiß, dass dieser Gedanke eine Binsenweisheit darstellt, aber momentan sieht es so aus, als würden die einfachsten Regeln außer Kraft gesetzt, die normalsten Dinge verhindert und alles angeblich im Sinne der Virusbekämpfung.

„Es gibt bis heute keinen nationalen Krisenstab, zu wenige belastbare Zahlen über das Virus und dessen Ansteckungswege; es gibt keine vernünftige Aufrüstung des Gesundheitswesens, es gibt viel zu wenig Impfstoff.“ Diesem brutal ehrlichen Fazit Susanne Gaschkes zum Gesamtbild der Bundesrepublik Deutschland im Frühjahr 2021 ist leider nichts hinzuzufügen.

Stellt sich die Frage, wie lange dieser gesellschaftliche Lähmungszustand noch andauern soll, wie lange wir alle noch auf eine vernünftige Öffnungsperspektive warten wollen? Auch der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch macht sich darüber Gedanken und konstatiert: „Ich möchte verstehen und glauben, dass die Entscheider verstanden haben, was der Unterschied von Krisenmanagement am ersten Tag und im zweiten Jahr ist. Im Augenblick habe ich daran Zweifel.“

In Dresden fahren Mütter und Väter ihre Söhne und Töchter inzwischen aus der Stadt heraus ins Umland, wo auf versteckten Fußballplätzen heimlich gebolzt wird, als gäbe es keine Kontaktverbote. Das ist von den Eltern löblich im Interesse der psychischen und physischen Gesundheit ihrer Sprösslinge. Offenbar scheint aber niemand dieser Erwachsenen mit in der Bundesregierung zu sitzen. Schade eigentlich.
Olaf Schulze
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