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DIE PANDEMIE LANGFRISTIG BRECHEN

Letzter Ausweg: Impfpflicht?

Dienstag, 23. November 2021, 15:35 Uhr
Wir kennen den Chef des RKI-Instituts, Professor Lothar Wieler, aus dem Fernsehen. Ich schätze ihn wegen seiner ruhigen, klugen, besonnenen und überlegten Art, den Konsumenten Zahlen und Fakten über das Pandemiegeschehen sachkundig zu erläutern und Gegenmaßnahmen anzumahnen und zu fordern. Wenn so ein Mann aber die Ruhe verliert und sich zu einer „Wutrede“ hinreißen lässt, will das was heißen...

Impfen (Symbolbild) (Foto: PixxlTeufel auf Pixabay ) Impfen (Symbolbild) (Foto: PixxlTeufel auf Pixabay )
Doch seine eindringlich mahnenden Worte haben einen realen Hintergrund: Wie Medien berichten, gebe es nun schon in etlichen Krankenhäusern nur noch ein freies Intensivbett. Kein Einzellfall mehr: Ein Herzinfarkt-Patient musste, wie es vielleicht auch viele nnz-Leser im Fernsehen verfolgten, über 40 Kilometer durch die Gegend gefahren werden, bis sich ein freies Bett fand. Man stelle sich so ein Szenario hier bei uns vor. Noch ist das Südharz-Klinikum von dieser Misere nicht betroffen. Ausgeschlossen ist sie nicht, spitzt sich die Situation zu. Corona-Infizierte kommen zunehmend aus dem Umland. Ängste will das Krankenhaus nicht schüren. Spärlich nur ist über Zahlen, Fakten und den Ernst der Lage zu hören.

Anlass zu großer Sorge veranschaulicht auch ein Beitrag in der nnz, überschrieben mit: „311 Fälle in einer Woche“. Das, wissen wir, war nur der Anfang. Argumente machen jetzt in den Medien die Runde, die bisher nicht so vernehmbar waren: Die Freiheit des Einzelnen müsse gegenüber der Freiheit und der Gesundheit der Allgemeinheit zurückstehen! Als letzter Ausweg bliebe im Falle eines Falles daher nur: die Impflicht. Österreich will sie einführen. Markus Söder, der Bayern-Chef, im Sommer noch ein strikter Gegner, denkt laut darüber nach.


Auch Lothar Wieler, Daniel Günther, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, selbst der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Weltärztepräsident Montgomery, Klinikärzte und Virologen schließen sie nicht mehr aus. Alle Impfmöglichen, sagen sie, sollten sich die Spritze geben lassen. Die Impfpflicht sei das letzte Mittel, die Pandemie langfristig zu brechen. Wie es Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sieht, mag jeder selbst bewerten: Impfen sei in der gegenwärtigen Misere eine staatsbürgerliche Pflicht. Ein Bußgeld von 1000 Euro würde helfen, um 95 Prozent der Impfverweigerer zur Einsicht zu bringen.

Impfpflicht? Ja oder Nein? Der weitere Pandemie-Verlauf wird darüber befinden. Kommt sie, wird es, wie in Wien, auch hierzulande Proteste geben. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Womöglich schon bald auch in Thüringer Städten, wenn die Landesregierung die neuen einschneidenden Maßnahmen verkündet. Das Recht dazu ist jedem gegeben, selbst wenn es im Widerspruch zur eigenen Gesundheit stehen sollte.

Neben Bürgern, die, ehrlichen Herzens, ihr in einer Demokratie gegebenes Recht in Anspruch nehmen und auf die Straße gehen, werden auch andere Leute mitmischen: Querdenker, Corona-Leugner, religiöse Splittergruppen sie hatten sich in Österreich landesweit zusammengefunden, waren auch aus dem Ausland angereist und dann in Wien aufmarschiert. Eine Minderheit zwar, aber mit Einfluss. Morddrohungen gegen den Kanzler und die Regierung blieben nicht aus. Auch in Deutschland sind Pöbeleien und Drohungen gang und gäbe, was gestern die mdr-Sendung „Fakt ist“ verdeutlichte

Für mich beschämend, wenn Ärzte, Klinikpersonal oder Virologen angefeindet werden. Beschämend, wenn Mediziner, die ansonsten Medien gegenüber zugänglich sind, jetzt aber Bedenken haben und sich nicht öffentlich äußern wollen. Sie möchten, begründen sie, schlichtweg ihren Frieden haben, fürchten um ihre Familien. Toleranz scheint zum Fremdwort zu werden.

In Sachsen bereitet sich die Ärzteschaft auf eine mögliche Triage vor. Was das bedeutet, dürfte mittlerweile selbst der bornierteste Impfgegner wissen: Schrecklich! Wer gibt uns die Gewissheit, ob nicht auch Krankenhäuser in Thüringen von ihr verschont bleiben?

Die Impfbereitschaft wächst. Die Front der Impfunwilligen bröckelt. Womöglich erkennen sie nun die Gefahr. Das lässt uns auf bessere Zeiten hoffen. Die den Ernst der Lage hingegen immer noch nicht erkennen, sollten der Wissenschaft und nicht jenen Wahrsagern vertrauen, die es angeblich aus sicherer Quelle besser zu wissen meinen: Impfungen förderten nur Herzinfarkte, Schlaganfälle und Unfruchtbarkeit. Auch im Thüringer Landtag soll es solche Leute geben.

Gewissen Kommentatoren, die natürlich wieder alles besser wissen, sei gesagt: Ich reihe mich gern in die Schar der Ärzte, Virologen, Politiker und Journalisten ein, die für eine Impfung aller Impfmöglichen unermüdlich werben. Hoffe aber wie sie, dass diese Leute noch zur Einsicht kommen. Eine Impfpflicht wäre das allerletzte Mittel. Um die derzeit eskalierende vierte Welle kurzfristig zu brechen, hätte sie wohl schon früher kommen müssen.
Kurt Frank
Autor: psg

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