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Meine Meinung

Bahnhofstoilette Nordhausen: Ein Niedergang wird gefeiert

Montag, 18. Mai 2026, 16:55 Uhr
Die stillen Örtchen auf den Bahnhöfen und Zügen der Deutschen Reichsbahn waren selten mal komfortabel. Aber sie genügten den Grundbedürfnissen. Bei der DB klappt nicht einmal mehr das, meint Bodo Schwarzberg...

Das Bahnhofsgebäude von Berga-Kelbra im Jahre 2025. In den 80er Jahren stärkte sich unser Autor darin noch mit einem deftigen Steak und trank regionales Bier. Heute ist man Wind und Wetter ausgesetzt. (Foto: Bodo Schwarzberg) Das Bahnhofsgebäude von Berga-Kelbra im Jahre 2025. In den 80er Jahren stärkte sich unser Autor darin noch mit einem deftigen Steak und trank regionales Bier. Heute ist man Wind und Wetter ausgesetzt. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Zugeschissene Zugtoiletten gehörten in den Zügen oder auf den Bahnhöfen der Deutschen Reichsbahn (der DDR) fast zum Standard. Aber: Wer sich überwinden konnte, hatte fast immer wenigstens Zutritt. Heute werden nicht funktionierende Zugtoiletten meist gesperrt, was im Extremfall laut Presse schon zu zwangsläufigen Erleichterungen inmitten der Mitreisenden geführt haben soll.

Juristisch sind solche, dem freien Willen nicht zu unterwerfende körperlichen Vorgänge durchaus schwierig zu beurteilen. Meiner Meinung nach müsste die DB in solchen Fällen noch Schmerzensgeld zahlen.

Aber wenn schon dem wichtigsten Grundbedürfnis Zugreisender, nämlich von A nach B zu kommen, heute, so sehr wie nie in der Geschichte deutscher Bahnen, zu wenig Rechnung getragen wird, dann muss es doch in Zügen und auf Bahnhöfen wenigstens zur Selbstverständlichkeit gehören, dass sich die oft genug zum Warten verdammten Reisenden an einigermaßen eingerichteten, sicheren Orten erleichtern können.

Zu DDR-Zeiten hatten selbst kleine Bahnhöfe ein Bahnhofsgebäude mit Mitropa-Gaststätte, wo man im Winter nicht wie heute frieren muss, und die ganz selbstverständlich über eine Toilette verfügte.

Nach dem DDR-Anschluss und dem damit verbundenen Anschluss der Reichsbahn an die DB wurden ja nicht nur Tausende Kilometer Bahnstrecken stillgelegt, sondern gefühlt über 90 Prozent der Gaststätten und damit auch deren stille Örtchen geschlossen. Wohl hunderte Bahnhofsgebäude verfallen seitdem trotz des Wohnungsmangels oder sie werden abgerissen. Wenige haben das Glück, einen Käufer zu finden, der aber meist keine Toilette für Reisende resp. Wartende mehr anbietet.

Wenn nun also die Wiedereröffnung einer Bahnhofstoilette in Nordhausen ein Grund zum Feiern ist, dann feiern wir diesen Vorgang als Ausnahme vom allgemeinen Niedergang. Wohin sind wir nur gekommen?

Die deutsche Eisenbahn war einst das Aushängeschild eines entwickelten Ingenieurwesens und ein echtes Massenverkehrsmittel, das ganz selbstverständlich über jene Infrastruktur verfügte, die für Millionen reisende Menschen notwendig war.

Bis kurz nach der Wende war Nordhausen Fernbahnhof. Mit D-Zügen- und Eilzügen nach Leipzig und Berlin, zeitweise bis hinauf nach Barth und Binz. Und niemand wäre damals auf die Idee gekommen, die Einweihung einer Toilette zu feiern. Traurig, traurig, traurig.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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