So, 12:14 Uhr
08.06.2014
Forum: Der Tod und das Motorrad
Anlässlich der jüngsten Diskussion um Schuld und Umschuld bei Motorradunfällen nimmt Leser Bodo Schwarzberg zum Anlass über Segen und Fluch der modernen Welt nachzudenken...
Die jüngsten schweren Motorradunfälle möchte ich zum Anlass für einige Gedanken nehmen, die ich ausnahmsweise auch zur anonymen Diskussion stellen möchte (denn sonst traut sich ja kaum jemand).
Bei der gesamten Auseinandersetzung um Schuld oder Unschuld der meist hochmotorisierten Zweiradler gerät mir eines in Vergessenheit: Die beklagenswerten, für Angehörige, Zeugen, Retter und im Extremfall Bestatter schwer zu verkraftenden Unfälle sind letztlich die Folge eines gesellschaftlichen Phänomens: Kaum jemand wagt sich der allgemeinen Tendenz zur Beschleunigung zu widersetzen.
Die Beschleunigung im Alltag soll letzteren noch attraktiver und leichter machen, noch einfacher, und man höre und staune, entspannter. Denn, so die Lesart vieler Werbestrategen: Kommst Du schneller von A nach B, erhältst Du schneller die gewünschte Ware, die von Dir gewünschte Dienstleistung oder Information, dann hast Du mehr Zeit für Dich. Das ist ein Irrtum, wie jeder weiß. Denn die zeitlichen Freiräume, die entstehen, werden ganz schnell mit anderen verlockenden Angeboten gefüllt, denen sich sehr viele Mitbürger kaum verschließen wollen, ja können.
Depressionen, Burnout, Amphetamine, Tranquilizer stehen auf der anderen Seite, ohne dass sich viele von uns eingestehen möchten, dass sie selbst es sind, die im Teufelskreis Achterbahn fahren.
Und so wird auch die so genannte Freizeit zum Opfer einer von der Wirtschaft angeheizten und sorgsam gepflegten Beschleunigung: Eine schönere, schnellere, stärkere, schnittigere, coolere Maschine zum Beispiel, befriedigt die Bedürfnisse von so manchem Fahrer mehr als ein langsameres, schwächeres, globigeres und uncooleres Motorrad. Und was liegt näher, als der Wunsch, diese Produkte ausgefeilter Hochtechnologie auch zu benutzen, auszutesten, auszufahren.
Gefördert wird dies noch durch die Tatsache, dass die Landstraße heute unter einigen Protagonisten als Schlachtfeld, Platz für Duelle oder sonstige Waffengänge, also zum gegenseitigen Kräftemessen und sich Präsentieren herhalten muss. Längst ist dieses Phänomen von der Soziologie bestätigt worden.
Und schließlich wissen wir es aus der Dialektik: Das Marxsche Umschlagen von Quantität in Qualität ist ein meist gültiges Grundgesetz: Im Klartext: Immer mehr Motorradfahrer bedeuten mehr Konflikte, z.B. mit anderen Verkehrsteilnehmern und in der Tendenz oftmals auch mehr und schwerere Unfälle, ob nun sie schuldig sind oder die Autofahrer.
Andererseits meine ich, ist die Zahl der Motorradunfälle angesichts der großen Zahl von Bikern, noch immer verhältnismäßig gering. Die vielen unter ihnen, die sich der Gefahren bewusst sind und ihr Fahrverhalten an der Straßenverkehrsordnung ausrichten, werden leider durch jeden schweren, von Bikerkollegen verursachten Unfall zum Mittäter erkoren. Zudem sorgt jede, durch die elektronischen Medien weiter als je zuvor gestreute Berichterstattung dafür, dass wir den Einduck eines permanenten und uneindämmbaren Sterbens auf unseren Straßen erhalten, ob dies nun der Realität entspricht oder nicht.
Auch hier also werden viele von uns ein Opfer der Beschleunigung, in diesem Fall des schnellen Zuganges zu Informationen und der noch schnelleren Informationsverbreitung, sowie der medialen Sensationslust.
Immerhin sorgt letztere dafür, dass das in unserer auf ewige Jugend angelegte Gesellschaft ausgeschlossene Sterben dennoch erschreckend präsent bleibt und uns vor Augen führt, dass hinter der nächsten Kurve der Sensenmann stehen könnte, für uns selbst oder für andere – er ist immer bei uns, mal etwas näher, dann wieder etwas weiter entfernt, je nach Abstand und Position zweier Fahrzeuge.
Wenn diese Realität aber nun einmal so ist, dann frage ich mich, warum der menschliche Verstand so selten ausreicht,
sich die Vorteile einer Entschleunigung auszumalen und vor
allem, sie zu leben. Um bei den Kraftfahrern zu bleiben: Warum rauschen sie durch unseren schönen Harz und verengen ihren Blick auf einen Tunnel, der von bedrohlichen Leitplanken und Bäumen auf zwei Seiten, dem Asphalt unter ihnen und den Himmel über ihnen begrenzt wird? Haben wir denn so wenig an stillen Kleinoden zu bieten, dass wir uns so beschränken müssen? Warum bedeutet uns eine Wanderung so wenig, der Wind, der ein Buchenblatt zum Schwingen bringt und nachgewiesenermaßen beruhigende, seit Jahrzehntausenden unveränderte Töne erzeugt, ebenso wie ein plätschernder Bach, eine zirpende Grille oder ein singender Vogel? Warum auch erfahren wir Selbstbestätigung vielfach nur auf einem schmalen Asphaltband?
Die uns alljährlich von Neuem beschäftigenden schweren Motoradunfälle in unserer Region, und unsere offensichtliche Unfähigkeit, diese zu verhindern, sollten zu neuen Denkansätzen führen. Verbote bedeuten ja nicht unbedingt Einsicht, bei wem auch immer.
Bodo Schwarzberg
Autor: redDie jüngsten schweren Motorradunfälle möchte ich zum Anlass für einige Gedanken nehmen, die ich ausnahmsweise auch zur anonymen Diskussion stellen möchte (denn sonst traut sich ja kaum jemand).
Bei der gesamten Auseinandersetzung um Schuld oder Unschuld der meist hochmotorisierten Zweiradler gerät mir eines in Vergessenheit: Die beklagenswerten, für Angehörige, Zeugen, Retter und im Extremfall Bestatter schwer zu verkraftenden Unfälle sind letztlich die Folge eines gesellschaftlichen Phänomens: Kaum jemand wagt sich der allgemeinen Tendenz zur Beschleunigung zu widersetzen.
Die Beschleunigung im Alltag soll letzteren noch attraktiver und leichter machen, noch einfacher, und man höre und staune, entspannter. Denn, so die Lesart vieler Werbestrategen: Kommst Du schneller von A nach B, erhältst Du schneller die gewünschte Ware, die von Dir gewünschte Dienstleistung oder Information, dann hast Du mehr Zeit für Dich. Das ist ein Irrtum, wie jeder weiß. Denn die zeitlichen Freiräume, die entstehen, werden ganz schnell mit anderen verlockenden Angeboten gefüllt, denen sich sehr viele Mitbürger kaum verschließen wollen, ja können.
Depressionen, Burnout, Amphetamine, Tranquilizer stehen auf der anderen Seite, ohne dass sich viele von uns eingestehen möchten, dass sie selbst es sind, die im Teufelskreis Achterbahn fahren.
Und so wird auch die so genannte Freizeit zum Opfer einer von der Wirtschaft angeheizten und sorgsam gepflegten Beschleunigung: Eine schönere, schnellere, stärkere, schnittigere, coolere Maschine zum Beispiel, befriedigt die Bedürfnisse von so manchem Fahrer mehr als ein langsameres, schwächeres, globigeres und uncooleres Motorrad. Und was liegt näher, als der Wunsch, diese Produkte ausgefeilter Hochtechnologie auch zu benutzen, auszutesten, auszufahren.
Gefördert wird dies noch durch die Tatsache, dass die Landstraße heute unter einigen Protagonisten als Schlachtfeld, Platz für Duelle oder sonstige Waffengänge, also zum gegenseitigen Kräftemessen und sich Präsentieren herhalten muss. Längst ist dieses Phänomen von der Soziologie bestätigt worden.
Und schließlich wissen wir es aus der Dialektik: Das Marxsche Umschlagen von Quantität in Qualität ist ein meist gültiges Grundgesetz: Im Klartext: Immer mehr Motorradfahrer bedeuten mehr Konflikte, z.B. mit anderen Verkehrsteilnehmern und in der Tendenz oftmals auch mehr und schwerere Unfälle, ob nun sie schuldig sind oder die Autofahrer.
Andererseits meine ich, ist die Zahl der Motorradunfälle angesichts der großen Zahl von Bikern, noch immer verhältnismäßig gering. Die vielen unter ihnen, die sich der Gefahren bewusst sind und ihr Fahrverhalten an der Straßenverkehrsordnung ausrichten, werden leider durch jeden schweren, von Bikerkollegen verursachten Unfall zum Mittäter erkoren. Zudem sorgt jede, durch die elektronischen Medien weiter als je zuvor gestreute Berichterstattung dafür, dass wir den Einduck eines permanenten und uneindämmbaren Sterbens auf unseren Straßen erhalten, ob dies nun der Realität entspricht oder nicht.
Auch hier also werden viele von uns ein Opfer der Beschleunigung, in diesem Fall des schnellen Zuganges zu Informationen und der noch schnelleren Informationsverbreitung, sowie der medialen Sensationslust.
Immerhin sorgt letztere dafür, dass das in unserer auf ewige Jugend angelegte Gesellschaft ausgeschlossene Sterben dennoch erschreckend präsent bleibt und uns vor Augen führt, dass hinter der nächsten Kurve der Sensenmann stehen könnte, für uns selbst oder für andere – er ist immer bei uns, mal etwas näher, dann wieder etwas weiter entfernt, je nach Abstand und Position zweier Fahrzeuge.
Wenn diese Realität aber nun einmal so ist, dann frage ich mich, warum der menschliche Verstand so selten ausreicht,
sich die Vorteile einer Entschleunigung auszumalen und vor
allem, sie zu leben. Um bei den Kraftfahrern zu bleiben: Warum rauschen sie durch unseren schönen Harz und verengen ihren Blick auf einen Tunnel, der von bedrohlichen Leitplanken und Bäumen auf zwei Seiten, dem Asphalt unter ihnen und den Himmel über ihnen begrenzt wird? Haben wir denn so wenig an stillen Kleinoden zu bieten, dass wir uns so beschränken müssen? Warum bedeutet uns eine Wanderung so wenig, der Wind, der ein Buchenblatt zum Schwingen bringt und nachgewiesenermaßen beruhigende, seit Jahrzehntausenden unveränderte Töne erzeugt, ebenso wie ein plätschernder Bach, eine zirpende Grille oder ein singender Vogel? Warum auch erfahren wir Selbstbestätigung vielfach nur auf einem schmalen Asphaltband?
Die uns alljährlich von Neuem beschäftigenden schweren Motoradunfälle in unserer Region, und unsere offensichtliche Unfähigkeit, diese zu verhindern, sollten zu neuen Denkansätzen führen. Verbote bedeuten ja nicht unbedingt Einsicht, bei wem auch immer.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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